Deutschland als atompolitscher Sonderfall

Die Pannen im Atomkraftwerk Krümmel zu Beginn des Monats und die erneuten Vorfälle im Atommülllager Asse haben die Debatte um den deutschen Atomausstieg erneut heftig angefacht.

Der Ausstieg aus der Kernenergie ist Wahlkampfthema. Umweltminister Sigmar Gabriel ist mittlerweile eine Symbolfigur für den deutschen Atomausstieg. Erst kürzlich wünschte er die deutsche Atomlobby „auf den Misthaufen der Geschichte“. Auch SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier bekannte atompolitisch Flagge und verlangte jüngst die sofortige Abschaltung des Pannen-AKWs Krümmel. Die Grünen fordern in ihrem Wahlprogramm die vollständige Abrüstung und einen mittelfristigen weltweiten Ausstieg aus ziviler Nutzung der Atomkraft. Bis zuletzt stand die CDU noch für deutsche Atomenergie – nun spricht sich auch die Union für die Stilllegung älterer Kernkraftwerke aus und macht deutlich, „dass mit uns nicht jedes Kernkraftwerk automatisch fortgesetzt wird”.

Bisher ist der deutsche Atomausstieg für 2020 gesetzlich festgeschrieben. Trotz jüngster Aussagen seitens der CDU stünde zumindest einer Laufzeitverlängerung deutscher AKWs bei einem Wahlsieg nichts entgegen. Von Kraftwerksneubauten wird hingegen nicht gesprochen.

International gesehen ist der deutsche Status quo momentan ein atompolitischer Sonderfall. Während in der Bundesrepublik die vollständige Aufgabe der Atomkraft im Raum steht, wird außerhalb der deutschen Grenzen fleißig aufgerüstet. Weltweit sind bis 2030 insgesamt 400 neue Kernkraftwerke in Planung! So nahmen erst vor kurzem Schweden und Italien von ihrem Atomausstieg Abschied. Schweden – ein Land das einmal das Vorbild für Deutschland in Sachen Atomausstieg war, hob nun jedoch das Verbot zum Bau neuer Kraftwerke auf. Polen plant momentan seine ersten beiden Kraftwerke, während Bulgarien mit dem Bau des zweiten beschäftigt ist. In der Schweiz sind aktuell zwei neue Kernkraftwerke in Planung, die 2020 ans Netz gehen sollen. Der internationale Energieversorgungskonzern GDF Suez setzt jetzt auf eine aggressive internationale Wachstumsstrategie. In diesem Zusammenhang sind mehrere neue Werke in Frankreich, England, Brasilien und Abu Dabi geplant. In China soll Strom aus Atomkraft bis 2020 sogar versiebenfacht werden.

In wie weit die geplanten Projekte auch tatsächlich umgesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. Defacto nimmt Deutschland, dessen Know-How im Bereich der Atomenergie weltweit führend ist eine Sonderrolle ein. Die großen Energiekonzerne wie Eon und RWE sind zumindest an internationalen Projekten und Bauvorhaben beteiligt. Die Frage ist, ob es sich Deutschland mit Blick auf seine Energieversorgung und auf eine CO2-neutrale Energiegewinnung leisten kann, auf die Kernkraft zu verzichten. Im Bereich der Energieversorgung stehen hier die Chancen recht gut. Bereits heute können 15 Prozent der Energie aus regenerativen Energiequellen gewonnen werden. Hier schwindet die Bedeutung der Kernkraft in Deutschland von Jahr zu Jahr. Problematischer wird es hingegen mit Blick auf den Energiemix. Hier heißt es entweder Kernkraft oder Kohle. So lange die Energiegewinnung aus Kohle durch neue technische Verfahren nicht klimaneutral gestaltet werden kann, ist die Kernkraft im Vorteil. Fazit: Aus Sicht der Energiegewinnung kann sich Deutschland seine Sonderrolle leisten, mit Blick auf den Klimaschutz bislang noch nicht.

7 Antworten zu Deutschland als atompolitscher Sonderfall

  1. karlchen sagt:

    das ist wirklich traurig.trotzdem sollte sich deutschland nicht davon abbringen lassen, aus der atomenergie auszusteigen. das fazit find ich unsinnig.mal abgesehen davon, dass sich deutschland den atomausstieg längerfristig sehr wohl leisten kann, können wir uns eine mit tschernobyl vergleichbare katastrophe doch nicht mehr leisten, oder?

  2. Stan*190 sagt:

    ich finde das Fazit sinnvoll. Zur Zeit können wir uns den austieg leisten, doch wenn kohle zur alternative steht auch nicht so gut. Wir sollten also weiterhin in erneuerbare ernergien investieren.

  3. ElTobi sagt:

    Wir können uns den Ausstieg aus der Atomkraft durchaus leisten, auch mit Blick auf den Klimawandel. Diese Studie zeigt es sehr gut: http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/klima/Klimaschutz_PlanB.pdf
    Und wenn mehr Menschen ihre Stromanbieter wechseln würden, entstünde auch mehr Druck auf den Markt, dass sich dessen Strukturen ändern:
    http://www.atomausstieg-selber-machen.de/stromwechsel.html

  4. Randy sagt:

    Ich möchte diese Disskussion gerne fortgesetzt sehen, wenn gerade irgendwo auf der Welt ein Atomkraftwerk hochgegangen ist. Mit Millionen Toten und einem auf Jahrhunderte verseuchten Landstrich (“Tschernobyl”). Allen andersgläubigen empfehle ich eine Reise dorthin. In der Einsamkeit des menschenleeren Sperrgebiets kann man dann sich nostalgischen Atomlobbyträumen hingeben. Es muss immer erst etwas passieren…

  5. Rudeboy sagt:

    @Randy: Ich bin voll deiner Meinung es muss erst wieder etwas passieren bis einige Leute aufwachen. Schade Schade

  6. Florian sagt:

    Die “Atomrenaissance” ist doch eine Erfindung der Atomlobby. Weltweit stehen mehr Reaktoren vor der Abschaltung, als neue im Bau sind. Es gibt nur eine einzige Firma weltweit, die Reaktordruckbehälter für Atomkraftwerke produziert. Es gibt nicht genügend ausgebildetes Personal. Einige der Reaktoren die offiziell “im Bau” sind, wurden schon in den 70ern oder 80ern begonnen. Das sind Bauruinen, keine “Renaissance”. Wenn mehr Länder mit Atommaterial arbeiten, steigt auch die Gefahr von “Proliferation” (Verbreitung von Waffenfähigem Material für Atombomben). Das ist die Wahrheit, nicht die feuchten Träume der Atomindustrie! Ein guter Artikel darüber stand neulich ausgerechnet in Der WELT (!) http://www.welt.de/wirtschaft/article4100979/Atomindustrie-kaempft-mit-Nachwuchsproblemen.html

  7. mueller sagt:

    Danke Florian, guter Tipp zum Weiterlesen.

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