Neu aufgetauchte Dokumente beweisen, dass Atom-Experten 1983 von der Kohl-Regierung massiv unter Druck gesetzt wurden. Grund dafür waren ihre Zweifel an der Eignung des Salzbergwerks Gorleben als Atommüll-Lager. Bundeskanzlerin Angela Merkel will die Gorleben-Akten nun überprüfen lassen.
Zweieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl sind Dokumente aus der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) aufgetaucht, die eine massive Einflussnahme der damaligen CDU-Regierung auf das Forschungsinstitut unmissverständlich offenlegt. Die PTB arbeitete 1983 an einem Bericht über die mögliche Eignung des Salzstocks Gorleben als Endlager für Atommüll. Die Entwürfe des Gutachtens der PTB erfreuten die Kohl-Regierung allerdings ganz und gar nicht. In einem Schreiben von Minister Heinz Riesenhuber (CDU) wurden der PTB Änderungen an dem Gorleben-Gutachten empfohlen. Man solle das Gutachten mit einem Kapitel “wesentliche Ergebnisse der Standorterkundung” beginnen, soll es dort nach einem Bericht der “Süddeutschen Zeitung” geheißen haben. Dieser Abschnitt des Gutachtens sollte sinngemäß zu dem Ergebnis kommen, dass die Eignung Gorlebens für die Errichtung eines Endlagers substantiell untermauert werde.
Das Ministerium soll außerdem darum gebeten haben, den “vermutlich hypothetischen Störfall des Wasser- und Laugenzutritts”, etwas aus dem Fokus des Betrachters zu rücken. Die Gefahr, dass radioaktive Substanzen in Grundwasser gelangen könnten, habe daraufhin in dem Gutachten keine Rolle mehr gespielt. Nach Angaben des Gutachten-Verfassers Helmut Röthemeyers, wurde die Notwendigkeit weiterer Erkundungen alternativer Standorte am 11. Mai 1983 nach der Besprechung mit Regierungsvertretern aus dem Gutachten herausgenommen.
Riesenhuber hat die Vorwürfe der Manipulation unterdessen strikt von sich gewiesen. Er habe die Unabhängigkeit der Wissenschaft immer respektiert, sagte er gegenüber Spiegel-Online. Vizeregierungssprecher Klaus Vater kündigte in Berlin an, nun würden alle Akten auf den Tisch kommen. Vom Kanzleramt angeforderte Akten wurden vom Bundesumweltamt bereits übermittelt. Es sei aber bis jetzt noch nicht möglich gewesen, die 80 oder 90 Ordner komplett zu prüfen.

Die Atomfrage spaltet die Nation
Im Jahr 2000 beschloss die rot-grüne Bundesregierung den Atomausstieg Deutschlands, woraufhin die Erkundungsarbeiten eingestellt wurden. Das ändert nichts daran, dass Atommüll bis heute nach Gorleben gebracht wird. Angela Merkel bekleckerte sich in der Vergangenheit in Sachen Atommülllagerung wenig mit Ruhm. In ihrer Zeit als Bundesumweltministerin ermöglichte sie beispielsweise die Genehmigung des ungeeigneten Lagers Morsleben, das wenig später per Gerichtsbeschluss geschlossen werden musste. Bis heute kann bei den deutschen Lagerstätten von Sicherheit keine Rede sein. Die Bundesregierung hat dafür keine Lösung, nimmt aber von einem Atomausstieg großen Abstand. Die Atommüll-Lagerung kostet Deutschland jährlich Milliarden, die nicht von den Müll produzierenden Energieversorgern getragen werden, sondern zu einem großen Teil von den Steuerzahlern. Bei der bevorstehenden Bundestagswahl werden sich vielleicht mehr Wähler auf das Atomproblem besinnen, als der CDU lieb sein sollte.
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