Der Atomausstieg Deutschlands ist eigentlich beschlossene Sache, trotzdem plädiert Energieriese RWE nun für verlängerte Laufzeiten. Die alten Atommeiler könnten laut RWE-Chef Jürgen Großmann noch bis zu 80 Jahre am Netz bleiben. Die neue Bundesregierung zeigt sich in diesem Zusammenhang gesprächsbereit.
Atomdebatte entbrennt erneut
In Deutschland entbrennt die Debatte um den geplanten Atomausstieg zum wiederholten Mal. Nach der bisherigen Regelung sollen bis zum Jahr 2020 alle Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden. Der beherzte Einsatz des Energiekonzerns RWE für eine Verlängerung der Laufzeiten um mehrere Jahrzehnte entfacht nun erneut einen heftigen Streit. RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann sprach sich in diesen Tagen dafür aus, die Kraftwerke nicht wie bisher maximal 32 Jahre am Netz zu lassen, sondern bis zu 80 Jahren. Gegenüber der „Rheinischen Post“ sagte Großmann, baugleiche Reaktoren liefen in den Niederlanden, Frankreich oder Belgien 60 Jahre oder länger und in den USA seien sogar 80 Jahre im Gespräch. Die derzeitige Laufzeitbeschränkung von 32 Jahren ließe Deutschland weit unter seinen volkswirtschaftlichen Möglichkeiten bleiben.
Bundesregierung signalisiert gesprächsbereitschaft
CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe signalisierte die Bereitschaft der Bundesregierung, über verlängerte Laufzeiten der Reaktoren zu verhandeln. Gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“ sagte er, über die genauen Voraussetzungen einer potentiellen Laufzeitverlängerung müsse jedoch noch mit den Kraftwerksbetreibern verhandelt werden. Darüber hinaus bekräftigte er, dass die möglicherweise aus einer solchen Laufzeitverlängerung resultierenden Gewinne in erneuerbare Energiequellen und gegebenenfalls auch in eine Senkung der Stromkosten investiert werden müssten. Die Partei-Chefin der Grünen Claudia Roth übte heftige Kritik an den Kraftwerksbetreibern, die ihrer Meinung nach „bis zum letzten Tag Kasse machen“ wollten. Das hohe Risiko alter „Schrottmeiler“ und die wachsende Masse an nicht entsorgbarem Atommüll sei der Regierung egal, sagte Roth laut der Nachrichtenagentur dpa.

Billigstrom rächt sich beim Steuerzahler
„Günstiger“ Atomstrom – verbreiteter Irrtum
Erst vor Kurzem stieg RWE aus einem riskanten und scharf kritisiertem Atomprojekt in Bulgarien aus und setzte so ein – vermeintlich – großes Zeichen zum Thema Atomausstieg. Nur wenige Tage später wirkt die Aussage Großmanns, die gesetzlich festgelegte Maximallaufzeit für Atomkraftwerke könnte um mehr als das Doppelte verlängert werden, fast wirklichkeitsfremd. Längere Laufzeiten nutzen ausschließlich den Kraftwerksbetreibern. Der „günstigere“ Atomstrom rächt sich in Milliarden-Steuergeldern, die bereits in die Lagerung des Atommülls investiert werden mussten. So bleibt zu hoffen, dass „Strahlemann“ Großmann zur Vernunft zurückkehrt und die Bundesregierung dem mehrheitlichen Wunsch der Bevölkerung nach einem baldigen atomaren Ausstieg folgt.
Bilder: ©iStockphoto.com/Deejpilot
