Handys orten für die Wissenschaft

Handys orten: Info

Dänische Wissenschaftler lassen Handys orten, um Rückschlüsse über ihre Studenten zu bekommen

Eine große Landkarte von Skandinavien, übersät mit roten Klecksen. Die Kleckse bewegen sich, manche sind dicht beieinander, andere ganz weit weg von den anderen. Einer bewegt sich grad über den Atlantik Richtung Großbritannien davon. Was man hier sieht, sind nicht etwa Flugzeuge oder Zugvögel, sondern Studenten der Dänischen Technischen Universität in Lyngby. Sie alle nehmen an einem ungewöhnlichen Experiment teil, bei dem sie ihre Privatsphäre gegen ein kostenloses Handy eingetauscht haben. Das Projekt, bei dem Datenschützer im Dreieck springen würden, ist rein freiwillig und dient der Wissenschaft. Bis zum Sommer 2015 soll das Experiment erst mal laufen: Handys orten und die Aktivitäten und Bewegungen von etwa 600 Studenten genauer unter die Lupe nehmen.

 

Handys orten: Rote Kleckse fördern Sozialstudien

Mit GPS werden die Standorte der Handys bestimmt. SMS, Facebook und Telefonlisten geben Aufschluss über die Kommunikation der Teilnehmer. Auch Zwischenmenschliches lässt sich beobachten, dies geschieht über Bluetooth. Je dichter zwei Bluetooth-Punkte beieinanderliegen, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Besitzer gerade miteinander sprechen. Der Big Brother Campus befindet sich im nördlichen Kopenhagen, wo die Menschen für die Wissenschaft leben und einander vertrauen. Deswegen machen auch so viele mit beim Überwachungs-Experiment und lassen ihre Handys orten. Vielleicht finden sie die Überwachung auch deswegen nicht so schlimm, weil sie davon wissen. Zwar sind die Klarnamen der roten Kleckse nicht bekannt, dennoch ließen sich die Identitäten leicht lüften, wenn man die Daten mit den Verhaltensweisen einzelner Studenten vergleicht. Wer jeden Freitag der Uni fernbleibt oder als einziger im Wirtschaftsseminar Urlaub auf den Malediven gemacht hat, ist leicht zu identifizieren. Natürlich wissen die Initiatoren, dass sie sich auf dünnem Eis bewegen. Kommt nur ein winzig kleiner Missbrauchsskandal an die Öffentlichkeit oder wird irgendein übersehenes Sicherheitsleck gefunden und ausgenutzt, ist das Projekt nicht nur sofort vorbei, es würde auch die ganze diesbezügliche Forschung in ein schlechtes Licht rücken. So aber erhoffen sich die Gründer Einblicke in soziale Strukturen, wie es sie noch nie gegeben hat.

 

Big Brother für den Alltag

Wenn das Experiment gelingt, könnte es die Soziologie revolutionieren. Es könnte zeigen, wie und wo Freundschaften entstehen, wer wann mit wem fremdgeht und ob ein nachlässiger Tagesablauf sich negativ auf das Studium auswirkt. Indem sie Handys orten, machen sich die Forscher ein genaues Bild über die Studenten. Big Brother hat Einzug gehalten in den Alltag der Studenten und ist von einer Fernsehshow zur Realität mutiert. Irgendwie scheint es zu funktionieren, denn das Experiment hat sogar die Enthüllungen von Snowden überlebt. Wer aussteigen will, kann dies jederzeit tun. Alles klingt irgendwie rosarot, toll und nützlich. Vielleicht funktioniert sowas nur im beschaulichen Dänemark. Aber in einer Welt, in der ohnehin nur wenig geheim gehalten werden kann, vermittelt es vermutlich das gute Gefühl, Einfluss nehmen zu können auf die Daten, die über einen kursieren.

 

Mit Material von Die Zeit

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