Syrien-Konflikt: Der Krieg der Bits und Bytes

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Hacker im Syrien-Konflikt: Dank Bits und Bytes zum Sieg?

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, so sagt man. Schwierig wird es allerdings dann, wenn sich die Kniffe von Lust und Leid miteinander vermischen – und letztlich den Ausgang eines brutalen Konflikts beeinflussen. So geschieht es derzeit im Syrien-Konflikt. Hacker nehmen sowohl den IS, Anhänger des syrischen Präsidenten Assad als auch Oppositionelle und Journalisten ins Visier.

 

Die digitale Verführerin

Der Kontakt scheint völlig zufällig zustande zu kommen: Die Libanesin mit Namen Iman Al Masri nimmt vor einiger Zeit via Skype Kontakt mit einem jungen syrischen Rebellen auf. Sie erkundigt sich, wofür er kämpft. In den darauffolgenden zwei Stunden plaudern beide über dies und das, er besieht sich ihr Profilbild: Eine hellhäutige 20-Jährige, bekleidet mit Kopftuch und Sonnenbrille. Irgendwann möchte Iman Al Masri wissen, ob ihr Gesprächspartner per Computer oder Mobiltelefon online ist. Wie all ihre Fragen beantwortet der Rebell auch diese ohne Zögern, schreibt bald: „[Du bist] wie ein Engel, Du machst mich wahnsinnig.“ Nun schickt ihm Al Masri eine Datei mit dem Titel „New-Iman-Picture.pif“. Was auf den ersten Blick stark an das Bildformat .gif erinnert, ist eigentlich ein Schadprogramm. Einmal geöffnet, kann es Computer knacken und die auf ihnen befindlichen Informationen an den jeweiligen Absender des Programms weiterleiten. Kurzum: Iman Al Masri ist eine Falle.

 

Neue Studie offenbart gezielte Angriffe

Angesichts solcher Hackerangriffe dürfte klar sein: Der seit dem Jahr 2011 andauernde Syrien-Konflikt wird längst auch im World Wide Web ausgefochten. Hier geraten sowohl der Islamische Staat (IS), Anhänger des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad, Journalisten, Mitarbeiter verschiedener Hilfsorganisationen als auch Oppositionelle ins Visier der Hacker. Eine aktuelle Studie des US-amerikanischen IT-Sicherheitsunternehmens FireEye zeigt, dass es den Angreifern um mehr geht als um tagtägliche Angriffe auf eine gegnerische Website oder einen Kommunikationskanal. Das betreffende Papier mit Namen „Behind the Syrian Conflict’s Digital Front Line“ beschreibt beispielsweise die erfolgreichen Cyberangriffe einer Hackergruppe auf syrische Rebellen. Diese werden immer wieder über ihre Profile in sozialen Netzwerken oder ihre Mobiltelefone Opfer der Attacken. Diese Methoden sind in Syrien besonders effektiv, da viele Regionen des Landes häufig mit Stromausfällen zu kämpfen haben und das Handy daher das mitunter zuverlässigste Kommunikationsmittel ist. Glaubt man FireEye, so sind jene Angriffe offenbar einer abgegrenzten Hackergruppe zuzuordnen. Hierfür sprechen sowohl das Angriffsmuster als auch die Datenrouten und eingesetzten Schadprogramme.

 

240.000 Nachrichten entscheiden über Krieg und Frieden

Im Zeitraum zwischen November 2013 und Januar 2014 kopierten die anonymen Angreifer laut FireEye eine beträchtliche Menge Daten aus den gehackten Profilen. Inhalt jener Konversationen, Kontakte und Kurznachrichten waren sowohl Strategien und persönliche Beziehungen als auch militärische Geheimnisse und konkrete Versorgungsbedürfnisse der Rebellen. Sollten die Informationen tatsächlich von Regierungstruppen oder ihren Unterstützern gestohlen worden sein, so dürfte dies strategische und taktische Vorteile auf dem realen Schlachtfeld mit sich bringen. Konkret, so FireEye, wurden bei den Angriffen rund acht Gigabyte an Daten gestohlen – inklusive 240.000 Kurznachrichten, 64 Skype-Konten, 12.000 Kontakte und 31.000 Konversationen. Durch FireEye identifizierte Hacking-Opfer finden sich in erster Linie in Syrien, darüber hinaus auch in der Türkei, Ägypten, der Ukraine, Spanien und Jordanien. Doch wem sind diese Angriffe letztlich zuzuordnen? Die IT-Experten des IT-Unternehmens können und wollen sich nicht festlegen. So enthält ihr Papier auch lediglich Hinweise darauf, dass sich die Assad-Truppen und ihre Sympathisanten wohl immer wieder auf das Nachbarland Libanon bezogen hätten. Ob es sich bei den Hackern letztlich jedoch um ausgewanderte Syrer oder Libanesen handelt, ist unklar.

 

Mit Material von SPIEGEL.de

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